medezinische Sicht

            Sucht ist ein sehr verbreitetes und schon lange bekanntes Phänomen. Bereits in antiken Schriften wird über süchtiges Verhalten berichtet. Sucht = siech = krank. Drüber hinaus können nicht nur Menschen, sondern auch Tiere süchtig werden. Man kann daher mit Recht sagen, dass Sucht nahezu eine universelle Verhaltensmöglichkeit ist.

1852 wurde erstmalig der Begriff "Alkoholkrankheit" geprägt, während man davor von Trunksucht sprach.

1964 unterschied die Weltgesundheitsorganisation zwischen Sucht ( addiction ) und Gewöhnung ( habituation ).Zwischen Sucht und Gewöhnung bestand nach dieser Definition kein grundsätzlicher, sondern vielmehr nur ein gradueller Unterschied. Da se jedoch zweifelhaft erschien, ob eine scharfe Trennung von psychischer und physischer "Sucht" möglich ist, gab man die Unterscheidung von Gewöhnung und Suchtauf und führte den Begriff"Abhängigkeit"( dependence ) ein.

Erst 1968 wurde in Deutschland durch gerichtliche Entscheidung Sucht als Krankheit imSinne der RVO anerkannt und damit ihre Behandlung Kassenleistung. In letzter Zeit hat der Begriff Sucht eine zunehmende Auswirkung erfahren. Man spricht von Magersucht, Arbeitssucht Spielsucht usw.                   

Die verschiedenen Suchtstoffe werden in unserer Gesellschaft unterschiedlich bewertet. Es gibt Suchtmittel, deren Gebrauch  nicht nur allgemein akzeptiert, für die darüber hinaus auch noch geworben wird. Insbesondere der Konsum von Alkohol ist in unserer Kultur tief verwurzelt. er ist aus dem gesellschaftlichen Leben kaum noch wegzudenken, ja es werden ihm sogar positive Wirkungen auf die Gesundheit zugeschrieben.

Mehrere wissenschaftliche Studien haben in der Tat gezeigt, dass ein mäßiger Alkoholkonsum das Risiko von Herz - / Kreislauferkrankungen senkt. Deswegen sagt man beim anstoßen: "Zum Wohl!" Die gesundheitsschädlichen Wirkungen insbesondere beim übermäßigem Konsum sind jedoch ungleich größer. Im Vordergrund stehen Schäden der Leber und des Nervensystems.

Diagnostik einer Abhängigkeitserkrankung:

            Nach dem ICD 10, der internationalen Klassifikation psychischer Störungen, gelten folgende Kriterien zur Diagnose eines Abhängigkeitssyndroms. Es müssen drei der angegebenen sechs Kriterien erfüllt sein:

1.      Ein starkes Verlangen oder Zwang, die Substanz zu konsumieren.

2.      Verminderte Kontrolle über den Substanzgebrauch. Dies verminderte Kontrolle kann bis zum Kontrollverlust führen.

3.      Ein körperliches Entzugssyndrom, wenn die Substanz reduziert wird. wenn Kriterium 3 erfüllt ist, besteht neben einer psychischen auch eine physische Abhängigkeit, wie sie im besonderen Ausmaß bei Alkohol und Opiaten auftritt.

4.      Toleranzentwicklung gegenüber den Substanzeffekten.

5.      Einengung auf den Substanzgebrauch, deutlich an der Aufgabe oder Vernachlässigung anderer wichtiger Vergnügen oder Interessensbereiche zu erkennen.

6.      Anhaltender Substanzgebrauch trotz eindeutig schädlicher Folgen.

In der Praxis ist der ICD wenig geeignet, um in kurzer Zeit Abhängigkeitskranke zu identifizieren. Sehr einfach und schnell durchzuführen ist ein amerikanischer Test.

Cage - Kurztest auf Alkoholismusverdacht:

Cut Down:Haben Sie ( erfolglos ) versucht, Ihren Alkoholkonsum zu reduzieren?       Annoyed:  Haben Sie sich geärgert, weil Ihr Trinkverhalten von anderenkritisiert     wurde?                                                                                                                         Guilty:Haben Sie Schuldgefühle wegen Ihres Trinkens?                                           Eye - Opener: Haben Sie Alkohol benutzt. um morgens in "Gang" zu kommen?                                                                                                          

Der Test besteht aus 4 Fragen. Zwei oder mehr positive Fragen sind verdächtig für einsüchtiges Trinkverhalten. Das Wort Cage setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der vier Fragen zusammen. In Deutschland wird zur Diagnostik und in der Therapie noch vorwiegend mit dem Jellinek - Schema gearbeitet.

Anzeichen der Krankheit Alkoholismus:

Er oder sie:

·       riecht häufiger nach Alkohol, wenn auch nicht offensichtlich angetrunken oder gar betrunken;

·       scheint unter Alkoholeinwirkung sicherer, umgänglicher, selbstbewusster;

·       trinkt immer in Stresssituationen oder wenn von Ärger oder Sorge geplagt;

·       scheint häufig allein zu trinken;

·       hat, allerdings nur zeitweise, erst „nach Sonnenuntergang" oder „nach der Tagesschau" getrunken;

·       entschuldigt sich manchmal fürs Trinken, ohne dass Vorhaltungen gemacht worden wären, und dann mit verharmlosenden Worten, wie „War wohl doch ein bisschen zu viel";

·       hält sich gern in Umgebungen auf oder besucht gern Leute, wo mit Sicherheit reichlich getrunken wird;

·       wirkt in letzter Zeit fahrig, trinkt mehr und isst weniger;

·       hat in letzter Zeit oft Schlafstörungen, wälzt sich im Bett oder wacht schweißnass auf, schreckt aus Alpträumen hoch;

·       erinnert sich manchmal nicht und hat Gedächtnislücken;

·       hat häufig zittrige Hände, vielleicht eine fleckige Gesichtshaut oder wird immer öfter, besonders morgens, von würgendem Brechreiz geplagt und es ist zu beobachten, dass das Zittern und der Brechreiz nachlassen, wenn etwas Alkohol getrunken wird – vielleicht nur ein kleiner, versteckter Schluck aus der Flasche;

·       kommt von der Arbeit, hat vielleicht keine Fahne und wirkt gespannt und unruhig, was sich nach den ersten Schlückchen Alkohol legt;

·       trinkt die ersten Gläser oft hastig und findet kein Ende;

·       hat auf der Arbeitsstelle schon Schwierigkeiten wegen des Alkohols gehabt;

·       schleicht sich öfteren weg und hat irgendwo zu Hause oder im Betrieb einen versteckten Vorrat alkoholischer Getränke..

Suchtpotentiale:

Warum wird man nach Tabak süchtig, nicht jedoch nach Pfefferminztee? Zunächst ist Voraussetzung, dass eine Substanz ins Gehirn gelangt und dort mit den Nervenzellen in Interaktion tritt und ihre Funktion verändert. Das menschliche Gehirn verfügt über rund 100 Milliarden Nervenzellen, die durch zahlreiche Nervenfasern miteinander vernetzt sind. Die Verbindung zwischen den einzelnen Zellen geschieht durch spezielle Kontaktstellen, die Synapsen genannt werden. Ein einziges Neuron kann mit bis zu 1000 Synapsen verbunden sein, wodurch ein unvorstellbar großes und kompliziertes Netz entsteht.                                                                                                                            Die Übertragung elektrischer Impulse von einer Nervenzelle auf die andere erfolgt durch chemische Substanzen, die Neurotransmitter. Diese binden auch die spezifische Zellstrukturen der Nervenzellen, den Rezeptoren. Und an diese Rezeptoren binden auch die Suchtmittel und beeinflussen damit die Übertragung elektrischer Impulse.

Bei aller Kompliziertheit lässt sich vereinfacht sagen, dass eine Nervenzelle gleichzeitig unter dem Einfluss dämpfender und erregender Impulse steht. Ob eine Nervenzelle aktiv wird, hängt vom jeweiligen Verhältnis dieser Impulse ab. Die Balance zwischen Hemmung und Erregung spielt sich auch im subjektiven Empfinden wider. Man erlebt sich als ausgeglichen oder gereizt, als erregt oder entspannt.             Man hat herausgefunden, dass suchtmittel abhängig von ihrer Dosis und dem jeweiligen Erregungszustand des Gehirns sowohl erregend als auch gleichzeitig dämpfend wirken können. Diese sogenannt bipolare Wirkung wird subjektiv als äußerst angenehm erlebt. Diese "Sowohl - Als - auch" gilt besonders für Alkohol. Er stimuliert und entspannt gleichzeitig.

Nicht jeder wird süchtig:

In Stresssituationen, die mit einem gesteigerten Erregungsniveau des Gehirns einhergehen, erleben viele Menschen ein besonderes Verlangen nach Suchtmitteln. "Jetzt muss ich erst mal eine rauchen", oder "darauf trinken wir erst mal einen". Dabei ist es nicht entscheidend, ob diese vermehrte Erregung positiv oder negativ gefärbt ist. Viele Süchtigen berichten über einen Rückfall, weil es ihnen zu gut ging. aber genau wie ein zuviel an Erregung kann auch das Gegenteil, nämlich Langeweile, einen Rückfall auslösen.

Das Suchtpotential eines Stoffes ist auch davon abhängig, wie schnell und konzentriert er im Gehirn anflutet. eine schnelle Anflutung lässt sich insbesondere durch intravenöse Gabe, also "fixen", erreichen. daher gibt es viele Drogenabhängige, die Benzodiazepine (z.B. Rohypnol ) auflösen und sich intravenös spritzen. Heroinabhängige, die mit Polamidon oral substituiert werden, vermissen oft den besonderen Kick des Fixens und spritzen sich daher lieber das Polamidon.

Da Alkohol und Nikotin in unserer Kultur allgegenwärtig sind, drängt sich die Frage auf, warum nicht alle Konsumenten süchtig werden. Sucht ist kein monokausales Geschehen. Ähnlich wie bei der Schizophrenie geht man von einer genetisch determinierten erhöhten Vulnerabilität aus, die beim Überwiegen negativer psychischer und sozialer Faktoren zur Manifestation einer Suchterkrankung führen können. Es ist noch unklar, was eigentlich vererbt wird. Aber sicher ist, Genauso wie sich Menschen äußerlich unterscheiden, unterscheiden sich auch ihre Gehirne.

Sozial Faktoren:

Strenge religiöse Vorschriften haben den stärksten Einfluss in Richtung Abstinenz. Auch die Zugriffmöglichkeit spielt eine große Rolle. Es ist ja auch ein wichtiger Vorteil einer Entgiftungsstation in der Psychiatrie, dass sie zumindestens versucht, einen drogenfreien Raum zu schaffen.   

In Diskussionen wird oft das Gegenargument gebracht:  "Wer sich für einen Rückfall entschieden hat, tut das auf  jeden Fall." 

Dieses Gegenargument lässt außer acht, dass ein Rückfall ein komplexes Geschehen ist, das von vielen Faktoren gesteuert wird. auch die Gruppendynamik unter den Patienten spielt eine große Rolle. Man geht davon aus, dass Suchtmittel positive Verstärker sind. Die einmal erfahrene Wirkung des Suchtmittels erzeugt den Wunsch nach einer erneuten Einnahme. Dazu ist jedoch zu sagen, dass Alkohol und Nikotin im Gegensatz zu Heroin oder Kokain sehr schwache Verstärker sind. Das bestätigt die Alltagserfahrung: Von der ersten Zigarette wird es einem meistens schlecht. Dass man trotzdem weiterraucht, hat unter anderem etwas mit sozialen Faktoren zu tun, man raucht, weil man dadurch z.B. als Jugendlicher soziale Anerkennung unter seinen Freunden findet. Dass eine Zigarette schmeckt, oder dass man überhaupt Appetit auf Alkohol hat, ist bereits eine Folge von Veränderungen im Gehirn. Es hat sich ein Appetenzverhalten entwickelt. Es gibt Hinweise, dass die primäre Reaktion eines Gehirns auf ein Suchtmittel genetisch determiniert ist.  

Ich habe oft Süchtige auf die Frage, warum sie trinken, antworten hören, "weil es mir schmeckt". Anfänglich habe ich solche Erklärungen als Ausreden abgetan, aber inzwischen denke ich, es ist doch ein Körnchen Wahrheit daran.

Entzugssymptome:

Im fortgeschrittenen Stadium der Sucht spielt das Appetenzverhalten kaum noch eine Rolle. Alkoholiker berichten oft: "Ich habe getrunken, aber eigentlich schmeckt es mir gar nicht mehr."                                                                                                                 Das ist das Elend der Sucht, dass das die angenehmen Wirkungen ab einem bestimmten Stadium rapide abnehmen und es dann nur noch darum geht, unangenehmen Entzugssymptome zu bekämpfen und dies gelingt in Laufe der Zeit immer weniger.        Diese Entzugssymptome treten nicht nur im tatsächlichen Entzug des Suchtmittels auf, sondern werden auch durch Umgebungsreize, sogenannte Schlüsselreize, ausgelöst.      Ein Alkoholiker geht an seiner Stammkneipe vorbei und bekommt feuchte Hände, also typische Entzugssymptome.                                                                                             Wenn Alkohol über längere Zeit eingenommen wird, führt die kompensatorisch zu Veränderungen des Rezeptorensystems, die Nervenzelle stellt sich auf die dauernde Wirkung des Alkohols ein. Sie gewöhnt sich daran, wird weniger empfindlicher. Es bildet sich ein neues Gleichgewicht zwischen Hemmungen und Erregung. Bei einem plötzlichen Entzug des Alkohols gerät dieses Gleichgewicht durcheinander, was sich in Entzugssymptomen äußert, die beim Alkohol bis hin zum Delir reichen können. Im klinischen Alltag sind Blutdruck und Herzfrequenz wichtige Parameter für die Schwere eines Alkoholentzugs. Epileptische Anfälle sind trotz aller Therapiemaßnahmen keine seltene Komplikation. Das Vollbild eines Delirs sehen wir dagegen seltener.

Reaktionen des Gehirns:

Das Gehirn ist aus verschiedenen Teilen aufgebaut. Die Großhirnrinde, der Cortex, hat im Laufe der Evolution eine erhebliche Größenzunahme erfahren und ist für alle höheren  zerebralen Funktionen verantwortlich. Die älteren Hirnanteile, alt heißt um viele 100 000 Jahre älter, haben wir mit den Tieren weitgehend gemeinsam. Ein wichtiger Teil des alten Gehirns ist das limbische System. Man kann sagen, dass das limbische System die Schaltstelle zwischen bewussten und unbewussten Hirnfunktionen darstellt. Es reguliert unser Affekt - und Triebverhalten und spielt eine wichtige Rolle bei der Speicherung von Gedächtnisinhalten.

Was hat das alles mit Sucht zu tun? 

Das limbische System ist beteiligt an der Struktur des sogenannten Belohnungssystems. Belohnungssystem heißt, es gibt ein System im Gehirn, das angenehme Empfindungen vermittelt. In Tierexperimenten konnte gezeigt werden, dass es Mäusestämme gibt, die genetisch bedingt ein relativ "schlechtes" Belohnungssystem haben und solche Mäuse besonders positiv auf die Einnahme von Alkohohl reagieren. Diese Ergebnisse sind zumindestens teilweise auf den Menschen übertragbar.

Man könnte also sagen, dass es Menschen gibt, die einen Mangel an innerer Belohnung haben und dass bei diesen Menschen Drogen eine besonders angenehme Wirkung entfalten. Man hört oft von Süchtigen, dass das Gefühl, das durch eine Droge vermittelt wird, mit nichts zu vergleichen sei und dass es dafür keinen Ersatz gäbe, dass das Leben ohne Suchtmittel arm und trotz aller Anstrengungen öde und leer bleibt. Es gibt therapeutische Angebote, die versuchen, durch Genussgruppen oder ähnliches diese Glücksdefizit auszugleichen. Wenn das Belohnungssystem durch ein Suchtmittel aktiviert wird, führt dies zu Gedächtnisspuren, dass die Wirkung des Suchtmittels sehr angenehm war, es entwickelt sich ein sogenanntes Suchtgedächtnis.

Ab einem bestimmten Stadium sind solche Veränderungen weitgehend unumgehbar, ein kontrollierter Umgang mit dem Suchtmittel ist dann nicht mehr möglich. Dies führt bei süchtigen Mäusen dazu, dass sie selbst mit Chinin versetzten, also sehr bitteren Alkohol trinken, was sie sonst in keinem Fall tun. Analog dazu habe ich Patienten erlebt, die im akuten Entzug Rasierwasser oder Parfum getrunken haben.

Das limbische System regelt generell die Übertragung von Informationen in die Gedächtnisspeicher. Es ist allgemeine Lebenserfahrung, das emotional gefärbte Erlebnisse deutlich besser gespeichert und erinnert werden als abstrakte Informationen. Das ist ja auch häufig ein Problem in der Suchttherapie. Man sagt einem Süchtigen 100 mal, dass Trinken schädlich ist und zeigt ihm Alternativen auf, doch im entscheidenden Moment nutzt das oft nicht viel.

 Dazu ein typisches Rückfallgespräch: "Im Kopf weiß ich alles. Ich habe hier in der Therapie alles über Sucht und Rückfallprophylaxe gelernt. Als ich aber dann vor dem Schnapsregal stand, war alles wie weggeblasen. Ich habe mir eine Flasche Schnaps gekauft und ausgetrunken. Ich war wie von einer anderen Macht gesteuert." 

Diese Macht hat etwas mit dem limbischen System zu tun. Abstrakte Informationen hinterlassen bestenfalls eine blasse Gedächtnisspur im Gehirn, die ohne Chance ist gegen die mächtigen und triebhaften Gefühle , die durch das limbische System vermittelt werden. In der Psychotherapie, gleich welcher Richtung, wird daher versucht, das emotionale Erleben miteinzubeziehen. 

Wenn die Vernunft fehlt...:

Vernunft oder vielmehr fehlende Vernunft spielt in der Sucht eine große Rolle. Wo sitzt die Vernunft eigentlich im Gehirn? Wenn sich jemand unvernünftig verhält, z.B. im Straßenverkehr wie ein Wilder fährt, zeigen wir ihm durch Tippen mit dem Zeigefinger an die Stirn , wo`s bei ihm fehlt. Dort hinter der Stirn sitzt das Frontalhirn. Es gehört zum neueren Gehirn, und wie alle neuen Dinge, funktioniert es nicht immer ganz perfekt. Darüber hinaus sitzt es da vorne an einem Platz, der nicht gerade ungefährlich ist. In der Tat hat man viele Erkenntnisse über die Funktion des Frontalhirns aus der Untersuchung von Menschen mit Hirnverletzungen gewonnen.  

 Aber die Patienten auf einer Suchtstation haben doch keine Verletzungen des Frontalhirns.  Das nicht, aber man hat herausgefunden, dass Alkohol nicht nur ganz allgemein die Gehirnzellen schädigt, sondern im besonderen Maß das Frontalhirn. Und dann gibt es noch eine zweite Sache. Das Frontalhirn ist für Entscheidung und Planung zuständig. Um Vor - und Nachteile einer Entscheidung abzuwägen, bewertet es frühere Erfahrungen. Zum Beispiel: Wenn ich trinke, geht meine Unruhe weg. Andererseits verliere ich möglicherweise meinen Arbeitsplatz. Außerdem bekomme ich Streit mit meiner Ehefrau, und ich ruiniere auch noch meine Gesundheit.                                     Wenn man das gegenüberstellt, müsste die Entscheidung doch eigentlich zugunsten der Abstinenz fallen. Das Problem aber ist, dass die negativen folgen des Trinkens verzögert auftreten, die positiven aber sofort. Wir hören oft von Süchtigen: "Ich habe zwar gewusst, dass ich bei einem Rückfall entlassen werde, dass war mir aber in diesem Moment egal. Wie ich das Bier gesehen habe, bin ich schwach geworden."

Dass erinnert ein bisschen an die alte Redewendung: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.  Geist meint das Gehirn, Fleisch meint den Körper. Aber was hat der Körper mit Entscheidungen zu tun?                                                                            In der Umgangssprache gibt es viele Redewendungen, die einen Zusammenhang andeuten. Manche Menschen sagen von sich, dass sie aus dem Bauch heraus entscheiden oder mit dem Herzen sehen. Man könnte einwenden, das sind Redewendungen, das ist unwissenschaftlich. Ein Neurologe aus den USA hat aber bei der Untersuchung von Patienten mit Frontalhirnschäden eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Um dauerhaft - die Betonung liegt auf dauerhaft - aus negativen Konsequenzen zu lernen, braucht das Gehirn den Körper. Der Körper nämlich verstärkt und beeinflusst durch seine Reaktionen die Entscheidungsprozesse im Gehirn.

Wenn sie z.B. zu schnell Auto fahren, bekommen sie ein mulmiges Gefühl in den Bauch. Der Bauch signalisiert dem Gehirn: "Vorsicht! Gefahr, runter vom Gas." Und dieses Signal hilft ihnen bei der Entscheidung langsamer zu fahren.

 Aus meiner klinischen Erfahrung habe ich den Eindruck gewonnen, dass gerade bei Süchtigen zwischen Körper und Gehirn nicht gut funktioniert. Das wird dann darin deutlich, mit welchem Gleichmut insbesondere Drogenabhängige körperliche Folgeschäden hinnehmen. Ich glaube daher, dass körperorientierte Verfahren in der Suchttherapie dringend notwendig sind.

Es gibt ein Medikament, das an dieser wichtigen Schnittstelle zwischen Körper und Gehirn wirkt. Es ist Antabus, das den vollständigen Abbau von Alkohol hemmt, was beim Trinken von Alkohol zu äußerst unangenehmen körperlichen Reaktionen führt. Da diese relativ rasch eintreten, hat man erhofft, dass dadurch dem Süchtigen der Konsum von Alkohol sozusagen verleidet wird. Seit vielen Jahren wird das Medikament kaum noch eingesetzt, da die Erfolge nicht sehr gut waren und dazu noch schwere Komplikationen bis hin zu Todesfällen aufgetreten sind. In der folge hat man zwar viele andere Medikamente getestet, die sich aber alle nicht durchgesetzt haben.

Neue Wege aus der Sucht:

Auf spektakuläre Weise gingen Anfang letzten Jahres Berichte über neue medikamentöse Therapiemöglichkeiten durch die Presse. Neue Wege aus der Sucht - gibt es die?

Ja, sie gibt es. Ich will nur auf ein Medikament eingehen, nämlich Acamprosat, gleich Campral, das letztes Jahr zur Behandlung der Alkoholabhängigkeit in Deutschland zugelassen wurde. Acamprosat bindet an einem Rezeptor im Gehirn, den Glutamatrezeptor. Nach längerem Konsum von Alkohol werden an diesem Rezeptor kompensatorisch erregende Impulse verstärkt. Diese Rezeptorenveränderungen sollen eine neurobiologische Grundlage für das süchtige Verhalten nach Alkohol sein. Durch Acamprosat wird die Dysbalance des Rezeptors wieder ausgeglichen. Obwohl der Wirkungsmechanismus des Medikamentes experimentell  gut fundiert ist, ist es in keiner Weise ein Wundermittel.

Die neurobiologischen Veränderungen, die einem süchtigen Trinkverhalten zugrunde liegen, sind sehr komplex und lassen sich nicht auf Veränderungen an einem Rezeptor reduzieren. In mehreren Untersuchungen hat man über einen Zeitraum von zwei Jahren eine mit Acamprosat behandelte Gruppe mit einer unbehandelten Kontrollgruppe verglichen. Im gesamten Beobachtungszeitraum waren die Rückfälle der mit Acamprosat behandelten Gruppe signifikant geringer, wobei sich in beiden Gruppen die meisten Rückfälle in den ersten180 Tagen ereigneten. mit zunehmender Abstinenzdauer nimmt das Rückfallrisiko deutlich ab. wer ein Jahr Abstinenz durchgehalten hat, hat das Schlimmste sozusagen hinter sich. Rückfälle sind dann nur noch in einem relativ geringen Ausmaß zu erwarten. Das heißt nicht, dass die Alkoholabhängigkeit geheilt ist. Ich kenne Patienten, die nach zehnjähriger Abstinenz schwere Rückfälle erlitten haben, diese in der Regel jedoch gut aufarbeiten konnten.

Nach zwei Jahren liegt die Abstinenzrate der behandelten Gruppe bei 40 Prozent, der unbehandelten Gruppe bei 20 Prozent. Acamprosat ist damit ein wirkungsvolles Medikament. Leider ist es noch nicht bekannt, bei welchen Patienten es wirkt und bei welchen nicht.

Die herkömmlichen Therapiemethoden, die im weitesten Sinne als psychotherapeutisch bezeichnen  möchte, lassen sich durch dieses Medikament auf keinen Fall ersetzen.

Fazit:

Wenn man in der Suchttherapie arbeitet, erfährt man von Kollegen aus anderen Bereichen oft ein mitleidiges Bedauern: "Wie hältst Du das nur aus? Mit Süchtigen zu arbeiten ist doch frustrierend und hoffnungslos, darüber hinaus wird man noch in einem fort angelogen und hintergangen." Über das Phänomen des Lügens oder noch besser des Hintergehens ließe sich ein Extrabeitrag schreiben.

Was die Prognose betrifft, ist sie nicht schlechter als anderer schwerer psychischen Erkrankungen. Die Therapieerfolge sind besser als ihr Ruf. Letztendlich scheint auch für Suchtkranke Ein - Drittel - Faustregel zu gelten. Ein Drittel der Abhängigen erreicht Abstinenz, ein Drittel kann zumindest die Folgeschäden reduzieren und ein Drittel bleibt ohne Besserung.

Dr. Benedikt Winkler, Referat am 2. Baunataler Pflegesymposium, veröffentlicht in: Die Schwester/Der Pfleger 38. Jahrgang 5/99

 

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